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NOBADI

Regie: Karl Markovics. Mit Heinz Trixner, Borhan Hassan Zadeh u.a. A 2019. 89 Min.

Trailer: https://www.thimfilm.at/filmdetail/nobadi

Ein alter Mann, ein toter Hund und ein afghanischer Flüchtling, der für drei Euro in der Stunde eine Grube gräbt. NOBADI erzählt die Geschichte zweier Menschen, die nichts miteinander gemeinsam haben, aber für ein paar Stunden alles miteinander teilen.

LANGINHALT

Heinrich Senft, 93, lebt in einem Schrebergartenhaus am Stadtrand von Wien. Sein Hund ist in der Nacht gestorben und er will ihn heimlich im Garten begraben. Als der Stiel der Spitzhacke bricht, fährt er zum Baumarkt, einen neuen besorgen. Auf dem Rückweg spricht ihn ein junger afghanischer Flüchtling an. Ob er Arbeit für ihn habe? Der Afghane Adib Ghubar hinkt und er ist mit drei Euro in der Stunde einverstanden.

Während der Arbeit kommt es zu einer zaghaften Annäherung zwischen den beiden. Woher der junge Mann so gut Deutsch könne? Aus dem Lager? Welchem Lager? Camp Marmal, ein Militärlager der Nato in Afghanistan, wo er gearbeitet habe. Als die Grube fertig ist und es ans Bezahlen geht, kommt es zu einer heftigen Auseinandersetzung. Senft kann sein Geld nicht finden. Er bedroht Adib mit einer alten Pistole, lässt ihn seine Taschen leeren, sogar seine Hose ausziehen. Schließlich fällt ihm ein, dass er das Geld selbst versteckt hat, aus Angst bestohlen zu werden. Er bezahlt den jungen Mann und lässt ihn gehen.

Einige Zeit später findet Senft Adib zusammen gesunken auf der Sitzbank der nahen Bushaltestelle. Der Flüchtling hat offenbar eine schwere Fußverletzung, weigert sich aber, ins Spital zu gehen. Er fürchtet, von den Behörden abgeschoben zu werden. Senft bringt ihn zu einer Tierärztin, bittet sie, ihm wenigstens Antibiotika und Schmerzmittel zu geben. Als die Tierärztin die Rettung rufen will, lockt er sie unter einem Vorwand ins Behandlungszimmer und erwürgt sie hinterrücks. Dann nimmt er die nötigsten Medikamente, Schmerzmittel und Verbandsmaterial und bringt Adib ins Schrebergartenhäuschen zurück.

Senft ist sich sicher, die einzige Möglichkeit Adib das Leben zu retten, besteht darin, sein Bein zu amputieren. Um bei der improvisierten Operation nicht das Bewusstsein zu verlieren, beginnt der Flüchtling dem alten Mann seine Geschichte zu erzählen. 

ÜBER DEN TITEL NOBADI

Der alte Nazi und der junge Afghane zeigen einander ihre Tätowierungen. „Nobadi“ steht auf dem Unterarm des jungen Burschen, das war jener Name, den man ihm in einem Nato-Lager gegeben hat, wo er zunächst als Laufbursche und später als Übersetzer arbeitete, um für seine Familie etwas dazuzuverdienen. Wäre er gestorben, hätten die Soldaten seiner Familie sagen können: „Nobody has died.“ Mit diesem Trick hat schon Held Odysseus den Zyklopen reineinlegt. -  Die Odyssee, eine Metapher für das Schicksal der Flüchtlinge.

REGIESTATEMENT  - Wie es dazu kam

Als der neue sozialdemokratische Verteidigungsminister im Frühjahr 2016 an einer Sicherheitskonferenz der zentral- und südosteuropäischen Staaten teilnahm, ging es dort um die sogenannte Flüchtlingswelle, die Europa schon das zweite Jahr in Folge heimsuchte. Auf dieser Konferenz ging es nicht um die Sicherheit jener, die vor Krieg, Verfolgung, Elend, Hunger und menschlicher Erniedrigung nach Europa flohen, sondern um die Sicherheit unseres empfindlichen Wohlstandes. Ein Viertel Prozent weniger Wachstum bedrohen unseren Frieden offenbar mehr, als der Tod von Hunderttausenden. Die obszöne Umkehrung von Opfern in Täter, die bei dieser Sicherheitsdebatte mitschwang, erinnerte mich in fataler Weise an die Ideologie der Nationalsozialisten. Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, dass das tausendjährige Reich zwar real nicht mehr existierte, im geistigen Bodensatz unseres Denkens aber immer noch vorhanden ist. Das veranlasste mich dazu, diese Geschichte so zu erzählen.

Das Märchen vom schlechten Gewissen

 Der Untertitel von NOBADI könnte auch „Das Märchen vom schlechten Gewissen“ lauten. Der alte Mann, die Hauptfigur, entwickelt am Ende seines Lebens so etwas wie die Wunschvorstellung von Reue und Vergebung. Aber warum nur eine Wunschvorstellung, eine Projektion? Warum keine „echte Reue“, keine „wirkliche Vergebung“? Vielleicht, weil zu viel Schuld über zu lange Zeit verdrängt worden ist. Weil das, was während des Nationalsozialismus passiert ist, sich im kollektiven Unbewusstsein verdünnt (um nicht zu sagen „verdünnisiert“) hat. Für diese Reue ist es längst zu spät. Aber was ist mit der zukünftigen Schuld und mit der zukünftigen Reue? Was ist mit den Massen, deren Existenz heute bedroht ist? Mit den Menschen, die aus allen Teilen der Erde fliehen, weil sie dort, wo sie herkommen, keine Zukunft haben. Der junge Afghane ist einer von ihnen. Die Fügung der Geschichte bringt diese beiden, völlig unterschiedlichen Menschen zusammen - einen alten Mann am Ende und einen jungen Mann am Beginn seines Lebens.

Aus den Rümpfen zweier älterer Ideen entwickelte ich eine neue. Ein alter Nazi sucht am Ende seines Lebens nach einem Sinn. Ein junger Flüchtling sucht am Anfang seines Lebens nach einem Platz. NOBADI ist, wie schon mein erster Film ATMEN auch eine Geschichte über Schuld und Sühne und über Opfer und Täter; aber mehr noch ist NOBADI eine Geschichte über die Verletzlichkeit der menschlichen Existenz.

 




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